User Experience auf den Punkt gebracht

Ein Erklärungsversuch in fünf Akten mit progressiven Lösungsansätzen, die zum Nachdenken und Austauschen animieren sollen. Geschrieben von einer passionierten UX Beraterin.

(Teil 1 von 5) Wir tun uns als UX Professionals ganz schön schwer, unsere Arbeit zu erklären. Und zu begründen, warum sie so sinnvoll ist. Eigentlich ist es unser Beruf, Dinge auf den Punkt zu bringen. So, dass sie leicht erfassbar sind. Warum aber fällt uns das mit unserem eigenen Thema so schwer?

Akt 1 – User Experience und Jobbezeichnungen

Dienstleistungen rund um die User Experience sind vielfältig. So sehr, dass es unwahrscheinlich ist, dass eine Person die gesamte Bandbreite an Fähigkeiten im Spektrum gleich gut beherrscht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Begriff sich in viele Disziplinen abgespalten hat. So gibt es inzwischen unzählige Berufsbezeichnungen, wie User Researcher, UX Consultant, UX/UI Designer, UX Engineer, UX Architect, UX Writer, Informationsarchitekt, Product Designer und so weiter. Nun, das hat schon alles seine Berechtigung, denn all die Menschen mit den wohlklingenden Jobtiteln sind mitverantwortlich für die Gestaltung von Produkten und das Erlebnis, welches bei deren Benutzung entsteht. Doch sind wir ehrlich: Nicht einmal wir UX Professionals blicken da noch ganz durch. Geschweige denn unsere Stakeholder. Allein die Tatsache, dass im Netz unzählige Artikel über die Erklärung und Gegenüberstellungen von UX/UI-Jobs zu finden sind, machen das deutlich.

 

«Jobtitel sind unwichtig!»

Und ich höre sie schon: die Menschen, die jetzt rufen: «Jobtitel bedeuten nichts! Es kommt darauf an, was sich dahinter verbirgt.» Das stimmt schon. Und doch identifizieren wir uns doch irgendwie damit. Wenn Dich jemand fragt, was Du beruflich tust, würdest Du doch auch gerne mit einem einzigen Satz antworten können, wie z.B.: «Ich bin Bäcker». Ganz simpel. Dein Gegenüber hat ein Bild im Kopf und kann daran anknüpfen, um ein Gespräch in Gang zu bringen.

 

Meine Erfahrungen

Bei mir sieht das aktuell eher etwa so aus:

«Was machst Du denn beruflich?» Ich ganz aufgeschlossen: «Ich bin User Experience Consultant in einer Agentur». Der erste Blick meines Gegenübers verrät ihn oder sie: es ist ein dickes Fragezeichen, ich kann es ganz genau erkennen. Doch eine Millisekunde später verändert sich der Blick in eine wissende Mine, quittierend mit: «Aaah. Cool.» und damit ist das Thema meinst auch schon beendet.

Die Leute sind damit so überfordert, dass sie noch nicht einmal eine Folgefrage formulieren können.

Zwischendurch findet sich jemand, der den Schritt ins Ungewisse wagt und sich als unwissend outet. Dann ist Feingefühl gefragt, um die Person am Haken zu halten: Wie einfach erkläre ich es, ohne dass sich die Person dumm vorkommt? Oder wie weit soll ich ausholen? Ich packe meine ganzen Storytelling-Skills aus und beginne, zu erzählen.

Wenn ich es gut mache, dann beschwert sich die Person nun über ihre eigenen Erfahrungen bei der Verwendung ihrer Waschmaschine oder dem letzten Bestellvorgang ihrer neuen Jeans. Dann weiss ich: Die hat’s verstanden! Und das Wörtchen User Experience oder Usability habe ich dabei noch nicht einmal in den Mund genommen.

 

Zu abstrakt

Der Begriff User Experience bezeichnet die gesamte Erfahrung eines Benutzers mit einem Produkt. Das ist so weitgreifend und umfassend, dass er äusserst abstrakt wirkt. Man kann sich darunter nichts vorstellen. Nun hat sich der Begriff UX inzwischen schon so etabliert, dass er aus unserem Wortschatz kaum mehr wegzudenken ist. Wir verwenden ihn, um unsere Arbeit pauschal zusammen zu fassen. Egal, ob es sich um das User Centered Design Vorgehen oder die Anwendung einzelner Methoden handelt.

 

Lösungsansätze

Was können in Bezug auf Bezeichnungen im UX-Bereich nun besser machen? Es gibt meiner Meinung nach einige Ansätze, die hilfreich sein könnten.

  1. Konsolidierung von Jobbezeichnungen: Lasst uns Bezeichnungen wie UX Architect, UX Consultant, Requirements Engineer und dergleichen doch in einem übergeordneten Begriff zusammenfassen. Was der explizite Job ausmacht, soll in der Jobbeschreibung recherchiert werden. Das ist heute nicht anders – ausser, dass potenzielle Auftrag- oder Arbeitgeber alle möglichen Formulierungen bei der Suche berücksichtigen müssen.
  1. Klarere Ausdrucksweise: Warum nennen wir das Kind nicht einfach beim Namen? Wir gestalten Produkte mit Fokus auf die Erfahrung des Benutzers mit dem Produkt. Wie wär’s also z.B. mit Produktgestalter mit Fokus auf die Benutzung? Zu lang oder missverständlich? Das geht vermutlich besser. Habt Ihr Vorschläge oder Ideen?
  1. Versinnbildlichung: UX würde ein Bild guttun, mit dem es in direkte Verbindung gebracht werden könnte. Eine konkrete Sache, die man sich im Geiste vorstellen kann. Wer dieses Ding oder Modell sieht, bringt UX damit in Verbindung. Genauso, wie wir bei Brot an den Bäcker denken oder bei einem Schnorchel ans Tauchen. Was kommt Euch in den Sinn, wenn Ihr an UX denkt?

Nein, ich habe diese Ansätze weder geprüft oder getestet. Und sie sind durchaus noch ausbaufähig. Mein Ziel ist es, eine Diskussion anzustossen und ich freue mich über kritische Rückmeldungen dazu. Wie sind Eure Erfahrungen und wie geht Ihr damit um?

Beim nächsten Mal geht es um die Bandbreite an Dienstleistungen, die mit UX verknüpft sind und auf dem Markt angeboten werden. Auch das macht es uns nicht gerade einfacher, unser Berufsbild zu definieren.

 

Zur Autorin

Nadja Schmid (CEO von soultank) hat ihren MAS in HCID absolviert und will die Welt für Disziplinen rund um User Experience begeistern. Sie freut sich sehr über Feedbacks und Anregungen.

 

Coming uf next:

Akt 2 – Dienstleistungen rund um UX

Akt 3 – Kunden von UX Dienstleistungen

Akt 4 – Betriebsblindheit und andere Berufskrankheiten von UX Pros

Akt 5 – Summary

 

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