Der Mensch im Zentrum der Produktentwicklung

Fehlen bei der Produktentwicklung fundierte Informationen über die Benutzer, ihre Aufgaben und den spezifischen Kontext, ist das Risiko hoch, Ressourcen wie Zeit und Geld zu verschwenden.

Denn so werden vor allem unternehmensinterne Bedürfnisse abgedeckt, nicht aber diejenigen der Kunden und Benutzer. Für diese ist dann weder der Nutzen gegeben, noch wird die Gebrauchstauglichkeit den spezifischen Anforderungen gerecht – das Produkt oder der Service floppt oder bringt zumindest nicht den erhofften Erfolg.

Menschzentrierte Produktentwicklung

Was ist Human-centred Design?

Human-centred Design (kurz: HCD) oder menschzentrierte Produktentwicklung basiert auf einem umfassenden Verständnis der Benutzer, Arbeitsaufgaben und Arbeitsumgebungen. Mit diesem Verfahren wird die Chance erhöht, dass das Produkt die Anforderungen der Stakeholder erfüllt und von den Benutzern angenommen wird. Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Projekt erfolgreich, termin- und budgetgerecht abgeschlossen wird.

Vielleicht ist dir der Begriff User-centred Design (UCD) geläufiger? In der Praxis wird er öfter und meist auch synonym zu HCD verwendet.

Der Begriff Human-centred Design streicht jedoch hervor, dass sich menschzentrierte Gestaltung auf eine Reihe von Stakeholdern und nicht nur auf den Benutzer bezieht.

Der Prozess für die menschzentrierte Gestaltung ist in der Norm DIN EN ISO 9241-210 festgehalten. Diese Richtlinie unterstützt Personen, die für das Management der Gestaltungsprozesse verantwortlich sind.

Ein grosser Vorteil dieses Prozesses liegt darin, dass sich menschzentrierte Gestaltung vielseitig in die Projektorganisation einbinden lässt: Ganz egal ob Wasserfall-Vorgehen oder agile Entwicklung.

Die DIN EN ISO 9241-210 leistet einen wertvollen Beitrag zum einheitlichen Verständnis dieses Prozesses. Nachfolgend sind einige wichtige Aspekte aus dieser Norm aufgezeigt.

 

5 Gründe für menschzentrierte Produktentwicklung

Produkte mit einer hohen Gebrauchstauglichkeit sind tendenziell erfolgreicher – in technischer als auch in kommerzieller Hinsicht. Zudem sind viele Kunden eher bereit, einen (höheren) Betrag zu bezahlen, wenn das Produkt ihre Anforderungen und Erwartungen abdeckt. Geht es dir nicht auch so?

Die ISO-Norm nennt die folgenden Gründe für die Anwendung des menschzentrierten Gestaltungsprozesses:

  • Steigerung der Produktivität und der Wirtschaftlichkeit
  • Geringere Kosten für Schulung und Betreuung
  • Erhöhung der Gebrauchstauglichkeit
  • Reduzierung von Unbehagen und Stress
  • Verschafft einen Wettbewerbsvorteil

Menschzentrierte Prozesse unterstützen die Gestalter und Entwickler auch dabei, den Benutzer vor Gefahren für ihre Gesundheit und Sicherheit zu schützen, indem Risiken verringert und die Qualität erhöht wird.

 

Ein einfacher Prozess in vier Schritten

Beim menschzentrierten Prozess handelt es sich um ein einfaches Verfahren, das aus vier Phasen besteht.

 

 

1. Nutzungskontext verstehen und beschreiben

Die Beschreibung des Nutzungskontexts (bspw. soll das Produkt im Freien verwendet werden) beinhaltet Informationen über die Benutzer und weitere Interessengruppen (Stakeholdern). Ihre wesentlichen Merkmale, Zielen und Arbeitsaufgaben sowie die Umgebung, in der das System verwendet wird werden festgehalten.

 

2. Nutzungsanforderungen spezifizieren

Unter Berücksichtigung des Nutzungskontextes werden die Bedürfnisse von Benutzern und weiteren Stakeholdern identifiziert und daraus Anforderungen abgeleitet (bspw. möchte man das Produkt mit Handschuhen bedienen?). Aber auch Anforderungen, die aus Erkenntnissen der Ergonomie oder aus Richtlinien stammen sowie Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit sind dabei zu berücksichtigen.

 

3. Erarbeiten von Gestaltungslösungen

Dazu sind Benutzeraufgaben sowie die Interaktionen zwischen Benutzer und Produkt inklusive der Benutzungsschnittstellen so zu gestalten, dass die zuvor definierten Nutzungsanforderungen erfüllt werden. Mit Szenarien oder Prototypen lassen sich diese konkretisieren.

 

4. Evaluieren von Gestaltungslösungen

Gestaltungskonzepte sollen so früh wie möglich mit realen Benutzern evaluiert werden, bspw. mit einem Usability-Test. So werden einerseits neue Informationen über die Bedürfnisse der Benutzer und andererseits über die Stärken und Schwächen der Gestaltungslösung gesammelt.

 
Diese vier Phasen müssen nicht als linearer Prozess abgearbeitet werden. Wie die Grafik zeigt, kann zu derjenigen Phase gesprungen werden, die für die momentane Entwicklungsphase am sinnvollsten ist.

Oft ist es aber sinnvoll, mit einem Analyseschritt zu starten. Sei es, um den Nutzungskontext zu verstehen oder um die Ergebnisse eines Usability-Tests zu interpretieren. Eine kurze Analyse zu Beginn jeder Iteration unterstützt eine effiziente und zielführende Weiterentwicklung.

Wichtig ist, dass der Benutzer und andere Stakeholder bereits in einer frühen Phase in den Prozess einbezogen werden und dass er iterativ abläuft. Denn viele Bedürfnisse und Erwartungen zeichnen sich erst im Laufe der Entwicklung, aufgrund stetigem Erkenntnisgewinns, ab.

Folgende Methoden haben sich beim menschzentrierten Vorgehen bewährt und werden deshalb oft eingesetzt: Beobachtung, Interview, Fragebogen, Fokusgruppe, Persona, User Journey, Prototyping und Usability-Testing.

 

Quelle

Deutsches Institut für Normung e.V. EN ISO 9241-210 (DIN EN ISO 9241-210). (2010). Ergonomie der Mensch-System-Interaktion – Teil 210: Prozess zur Gestaltung gebrauchstauglicher interaktiver Systeme. Berlin: Beuth.

Zum Autor

Thomas Messner ist Senior UX-Consultant bei soultank. Neben seiner Tätigkeit als Experte für User Experience, Usability und User Centred Design gibt er bei Digicomp Einführungskurse.

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